Samstag, 29. August 2015

Sicher Motorrad fahren in Yogyakarta.

Der Motorroller ist das beste Fortbewegungsmittel hier in Jogja. Die Stadt ist groß und ein Nahverkehrssystem praktisch nicht existent, abgesehen einmal von Transjogja und diversen gruselig-klapprigen Minibussen. Natürlich gibt es auch noch andere Möglichkeiten. Man kann sich ein Ojek (Motorradtaxi) nehmen oder eine Becak (Fahrradtaxi), aber beides kam für mich nie in Frage. Mich von einem meist älteren Herrn in einer Becak umherkutschieren zu lassen, käme mir reichlich kolonialistisch vor. Dann gibt es ja noch das gute alte Fahrrad, doch das sehe ich hier eher als Sportgerät. Es ist einfach zu heiß, die Entfernungen sind zu groß und der Verkehr ist viel zu gefährlich. Die meisten Fahrradfahrer die man hier sieht sind alte Leutchen, die auf einem uralten, rostigen Sepeda Onthel, einem Rad im Hollandstyle fahren. Oft tragen sie noch die traditionelle Kleidung, besonders die Frauen und mindestens genauso oft transportieren sie erstaunliche Ladungen auf ihrem Rad. Eine Bank aus Bambus. Eine möglichst große Portion Reisstroh, Zuckerrohrlaub oder Gras vom Wegesrand für die Kuh oder die Ziegen. Zahllose Töpferwaren. Oder aber gleiche ein mobiles Mini-Restaurant. Auch wir haben seit kurzem Fahrräder und radeln damit gelegentlich morgens durch die Reisfelder. Einmal den Berg runter und wieder rauf. Das sind zwar nur vier Kilometer aber ein bisschen Bewegung muss einfach sein. 

Doch wenn es darauf ankommt schnell von A nach B zu fahren, dann bleibt nur das Motorrad. Auch ich habe mir in meinen ersten Tagen in Jogja erst einen Roller ausgeliehen und nach zwei Wochen dann mein eigenes Gefährt gekauft. Während ich in Deutschland war, hatten wir meine Mio dann an andere Studenten vermietet, so stand sie nicht nur rum.

Als ich im Februar wieder nach Jogja kam, musste ich mich erstmal wieder eingewöhnen und Arthur fuhr mich überall hin. Mal auf seinem (schnellen) Motorrad, mal auf meinem kleinen Automatikbike. Mit der Zeit stieg die Hemmschwelle, selbst irgendwohin zu fahren. Der Straßenverkehr wird nämlich immer verrückter und beängstigender und gelegentlich kommt man an Unfällen vorbei oder wird sogar selbst Zeuge (ein guter Grund, den Erste-Hilfe-Kurs aufzufrischen) und mich schockt das immer wieder. Die Indonesier scheinen da schon abgebrühter zu sein, sie posten sogar Bilder verunfallter Leute auf Facebook. 

Seit ein paar Wochen habe ich beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann und entschied, meine Angst zu überwinden. Mittlerweile fahre ich fast jeden Tag ein Stückchen, und wenn's nur zum Obstladen ist oder um die Handykarte aufzuladen. Und manchmal ist das nicht nur purer Stress, sondern sogar ein bisschen schön.

Und jetzt kommt's: Überall liest man, der Verkehr wäre so furchtbar und keiner würde sich an die Regeln halten, aber was erwartet einen denn wirklich auf Jogjas Straßen? Woher kriegt man überhaupt einen Roller? In meinem kleinen Motorbike-Guide erfährst du es!

Wo bekomme ich ein Motorrad her?

Wer nur kurz in der Stadt ist, kann sich in der Touristenstraße Jalan Prawirotaman für wenig Geld einen automatischen Roller mieten. Auch Helme können geliehen werden, achte darauf dass man den Helm zumachen kann und er einigermaßen gut sitzt. Ein Helm mit Glas ist nie verkehrt, dann kriegt man keine Fliegen in die Augen oder in den Mund. 
Für längere Aufenthalte gibt es Agenturen, bei denen man automatische oder auch halbautomatische Roller für mehrere Wochen oder Monate mieten kann. Im Preis ist meistens auch eine monatliche Inspektion drin und liegt zwischen 300.000 und 500.000 Rupiah, aber ich bin da nicht auf dem neuesten Stand.
Und wer möchte kann sich, so wie ich, auch sein eigenes Bike zulegen. Die beste Anlaufstelle dafür sind verschiedene 2nd-Hand-Shops (Jual-Beli) in der Stadt oder OLX, das indonesische eBay. Wenn du dir ein Motorrad kaufen willst, dann nimm immer einen einheimischen Freund mit, der sich mit den Dingern auskennt. Außer natürlich du bist selbst Experte_in. Bei mir hat das Arthur übernommen, denn ich habe keine Ahnung von Motorrollern. Worauf du meiner Meinung nach achten solltest ist die Gültigkeit des Nummernschildes, ob Steuern bezahlt werden müssen und wo (hier zahlt man Steuern dort, wo das Gefährt gemeldet ist und ja, man muss da persönlich hin) und ob die Papiere alle in Ordnung sind. Letzteres kann man von offizieller Seite prüfen lassen. Wichtig ist außerdem, dass das Bike funktionierende Bremsen hat. Unverzichtbar sind zwei Spiegel in ausreichender Größe, aber die kann (und sollte) man auch nachrüsten lassen. Auch eine kleine Probefahrt sollte drin sein. Alles andere lässt du am Besten deine_n Freund_in checken. Wenn alles okay ist und der Preis stimmt, holst du ein dickes Bündel Geldscheine vom nächsten Geldautomaten, denn natürlich zahlt man hier bar. Als ich mein Bike gekauft habe, haben wir uns mit dem Verkäufer in einer Bank getroffen und dort meine 45 100.000-Rupiah-Scheine zählen lassen. Noch ein kleines Erinnerungsfoto und dann düste ich schon glücklich nach Hause. 
Helme gibt es übrigens überall und in jeder Preiskategorie. Ein Helm sollte immer neu sein und gut sitzen. Mein Helm ist von fino und hat rund 200.000 Rupiah gekostet, das sind etwa 13 Euro. Beim Helm sollte man darauf achten, dass die Polster innen herausnehmbar sind, damit man sie mal waschen kann.

Los geht's!

Nun hast du also einen Roller und willst dich auf die Straßen wagen. Doch bevor du den Zündschlüssel umdrehst, gibt es ein paar nützliche Tipps:
  • Die richtige Kleidung: Du muss nicht in Lederjacke und schweren Stiefeln aufs Bike steigen, bei den Temperaturen hier wäre das keine gute Idee. Lange Hosen und ein langärmliges Shirt oder ein leichter Pulli schützen dich vor der Sonne und vor den neugierigen Blicken auf der Straße.  Eine lange Hose bewahrt dich außerdem vor dem berühmten tourist tattoo, einer schmerzhaften Brandwunde vom heißen Auspuff. Feste Schuhe sind theoretisch zu empfehlen, aber in der Realität fahren sie alle mit Sandalen oder Flip Flops. Guck dir nur mal an, wie die anderen Leute (besonders die Frauen) auf der Straße unterwegs sind: Total eingemummelt! Ich habe schon welche in dicker Jacke mit Fellkragen gesehen! 
  • Tarnung mit Maske und Sonnenbrille: Als Anfänger ist es sicher nicht verkehrt, wenn man von den anderen Leuten auf der Straße als Fremder erkannt wird, der noch unberechenbarer fährt als sie selber. Ich werde gern nicht sofort als Bule (Weiße) erkannt und trage daher zu meinen langen Klamotten gern noch eine Atemmaske (gibt's in knalligen Farben in der Apotheke). Die macht auch Sinn, wenn man sich in die Innenstadt wagt, denn hier gibt es keine Feinstaubregelung und auch der modernste Bus bläst manchmal eine unglaubliche Rußwolke aus dem Knalpot. Eine Maske sorgt dafür, dass nicht alles davon in deine Lunge kommt und hält gleichzeitig die Gesichtshaut ein bisschen sauber. Sonst gibt es Pickel. Eine Sonnenbrille ist auch nie verkehrt. Und dazu verstaue ich auch mein Haar meist im Helm, denn der Fahrtwind und die Sonne haben es schon ganz schön leiden lassen. 
  • Tasche, Rucksack & co.: Versichere dich, dass dein Rucksack oder deine Umhängetasche zu ist, bevor du ihn aufsetzt. Trage den Rucksack am besten vor dem Bauch oder schließe den Brustgurt! Es gibt nämlich immer wieder Fälle, in denen Taschen (meistens an Ampeln) ihren Besitzern einfach weggerissen werden. Darum: immer gut aufpassen und an der Ampel am besten nicht das teure Smartphone checken, das kann sonst auch ganz schnell weg sein.
  • Jetzt aber: Endlich sitzt du auf dem Motorrad. Nun solltest du noch deine Spiegel richtig einstellen und vor dem Losfahren das Licht anmachen, das ist hier nämlich Pflicht. Und natürlich den internationalen Führerschein nicht vergessen!
Auf der Straße
  • Bevor du dich auf die Straße wagst, solltest du an einem ruhigen Ort ein bisschen üben. Nur so kriegst du Gefühl für dein neues Gefährt. Lass dich von einem Freund an einen solchen Ort fahren (im Süden Jogjas ist das Gelände der Kunst-Uni super geeignet) und dann übe losfahren, anhalten, blinken, bremsen, das ganze Programm. Mach dich auch mit den Schaltern fürs Licht vertraut, dann klappt später alles automatisch.
  • Auf der Straße musst du dann auf alles gefasst sein. Ganz ganz ganz wichtig: Immer in den Spiegel gucken, bevor du abbiegst oder überholst! Manche Leute fahren wahnsinnig schnell und tauchen vollkommen überraschend hinter oder neben dir auf. Es kommt außerdem sehr oft vor, dass ich beim Überholen ebenfalls überholt werde. Außerdem solltest du nie zu weit am linken Straßenrand fahren, weil fast alle Leute ohne zu gucken auf die Straße einbiegen. Nervig ist auch, dass viele beim Abbiegen auf die falsche Spur wechseln. Es kann also durchaus passieren, dass dir in der Kurve jemand entgegenkommt, besonders wenn du von einer kleineren auf eine größere Straße fährst. Aufpassen! 
  • Vorfahrtsregeln gibt es nicht. Wenn ich über eine belebte Kreuzung ohne Ampel muss, dann bleibe ich in einem Pulk aus anderen Mopedfahrer_innen, der sich langsam immer weiter vortastet. Dabei natürlich immer selbst die Augen offen halten! 
  • Ruhig bleiben und geduldig sein! Lieber hänge ich zehn Minuten hinter einem langsamen Auto fest, als mich auf ein waghalsiges Überholmanöver einzulassen. Auch wenn es auf der Straße stressig und hektisch zugeht, bewahre Ruhe, fahr nicht zu schnell und registriere, was um dich her geschieht. Eigentlich genauso, wie überall anders auch. 
Tips & Tricks
  • Ein bisschen Kleingeld in der Hosentasche ist immer praktisch, besonders wenn du mit Rucksack unterwegs bist. Man braucht immer mal 1000 oder 2000 Rupiah für den Parkwächter. Auch wenn du Benzin kaufen willst, steckst du den Betrag möglichst schon passend ein, dann musst du später am Shop oder der Tankstelle nicht lange kramen. Apropos Benzin: Das gibt's an der Tankstelle oder am Straßenrand in nicht-ganz-1-Liter-Glasflaschen. Anders als in Deutschland ist der Benzinpreis stabil und es kostet überall gleich viel: 8000 Rupiah aus der Flasche und 7400 Rupiah aus der Zapfsäule. Pro Liter. Das sind um die 50 Cent. Übrigens gibt es an der Tankstelle Tankwartservice und man sagt nicht, wie viel Liter Benzin man haben will, sondern wie viel Geld man ausgeben möchte. Am Straßenrand ruft man dagegen "Bensin, Bu/Pak/Mbak/Mas!" und dann sagt man "satu" für eine Flasche oder "dua", wenn man gleich doppelt auftanken will. 
  • In den Helm pusten: Der Helm ist ein gemütlicher, dunkler Ort. Ich hatte schon öfter mal einen nervig summenden Moskito im Helm und das kann richtig gefährlich werden. Darum solltest du immer in den Helm pusten oder ihn ein bisschen schütteln, bevor du ihn aufsetzt. So verscheuchst du Mücken und anderes Getier. 
  • Ein Schlüsselband benutzen: Manchmal stecken die Schlüssel nur sehr lose im Zündschloss und fallen raus, wenn du über einen Huckel fährst. Um zu verhindern dass du deinen Schlüssel verlierst, befestigst du ein Band daran, dass du über den Spiegel hängst. So kann nichts passieren.
  • Die Hupe ist immer hilfreich und darf reichlich benutzt werden, frei nach dem Motto "Jetzt komm ich!"
  • Auf Schlaglöcher und polisi tidur (= Schlafende Polizisten, also Speed Bumps) achten, besonders bei Regen. Gefährlich ist auch Sand in der Kurve. Und auf dem Dorf rennt einem schonmal ein Huhn vors Motorrad. Überfahren habe ich zum Glück noch keins, die meisten eiern nur verwirrt vor einem her und wissen nicht, ob sie nun nach rechts oder links hechten sollen. 
  • Arthur empfiehlt die Benutzung der Vorderbremse. Die ist bei den meisten Bikes in besserem Zustand und bremst, zumindest bei trockenem Wetter, sicherer. Ich habe immer einen Finger am Bremshebel, um schnell reagieren zu können.
  • Beim Parken immer das Lenkradschloss benutzen. Dazu muss man den Lenker ganz nach links lehnen und kann dann den Schlüssel noch ein bisschen weiter umdrehen. Auf manchen Parkplätzen ist das nicht gern gesehen, weil die Parkwächter die Motorräder permanent umsortieren. 
Nach dem Weg fragen

Die Orientierung ist hier echt ein Thema für sich. Arthur schwört auf Google Maps, ich eher auf mein Bauchgefühl. Beides funktioniert, beides geht auch mal schief. Egal wie, auch du wirst früher oder später nach dem Weg fragen müssen. Und das klappt nicht immer. Zunächst einmal sagen die Leute hier oft ungern, dass sie etwas nicht wissen. Darum kriegst du zwar immer eine Antwort, aber nicht immer die richtige. Erkundige dich lieber bei mehreren Locals, der Mittelwert ist dann der richtige Weg. Auch die Art wie du fragst, beeinflusst die Qualität der Wegbeschreibung. Sei höflich und stell den Motor ab. Wenn du jetzt noch die Sonnenbrille/Maske und den Helm abnimmst und vielleicht sogar noch von deinem "hohen Ross" heruntersteigst, bist du super höflich und kriegst wohl eher auch Hilfe bei deiner Suche. Vielleicht aber auch nicht. Probier es aus! Hier läuft eh alles ein bisschen entspannter und dank jam karet (der dehnbaren Gummizeit) solltest du auch nicht unter Zeitdruck stehen. Außer natürlich du musst zur Uni oder ins Immigration Office, aber zumindest letzteres ist nicht schwer zu finden. Also, alles ganz entspannt. Noch die üblichen Small-Talk-Fragen beantworten (Woher kommst du? Studierst du hier? Bist du schon verheiratet? Und wenn ja: Hast du schon Kinder?) und dann fährst du hoffentlich auf dem rechten Weg zu deinem Ziel.

In Indonesien Roller zu fahren ist praktisch und macht Spaß, auch wenn der Straßenverkehr manchmal sehr gruselig und beängstigend sein kann. Also, gute Fahrt und pass auf dich auf! Oder auf Indonesisch: Hati-hati di jalan, yaaa?!

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