Freitag, 27. Januar 2017

Im Angkringan.



Ein Angkringan ist ein mobiler oder stationärer kleiner Essensstand, an dem einfache Snacks wie frittiertes Hühnchen, Tempe und Tofu, kleine Bananenblattpäckchen mit Reis (Nasi kucing) Wachteleier am Spieß, Cracker, geröstete Erdnüsse oder Instantnudeln verkauft werden. Typische Getränke sind Tee, Jeruk (ausgepresste Miniorange, wahlweise mit Eis oder in heißem Wasser), Ingwer und Instantkaffee. Ein Angkringan hat ein Dach aus dicker Plastikplane und ist vor allem in den Städten Java und Solo zu finden. Meistens finden nur wenige Menschen gleichzeitig darin Platz. Manche Angkringans öffnen erst abends und nachts. Mittlerweile gibt es auch "moderne" Angkringans, die eher einem Café gleichen. Um ein solches geht es in diesem Text nicht.


Jeden Abend baut sie ihren kleinen Stand am Straßenrand auf. Füllt gebratene Hähnchenteile und kleine Tütchen mit Erdnüssen in Plastikschalen, stapelt Päckchen mit Reis und Tempe, setzt Wasser auf, schaltet das Radio an. Daraus klingt ununterbrochen leise Gamelanmusik. Es ist schummrig. Ihr Fahrrad, auf dem sie das Essen und alles andere mehrere Kilometer weit transportiert hat, ruhig durch den verrückten indonesischen Verkehr, lehnt hinter ihr an der Wand. Es ist ein altes, einfaches Damenrad, dem man den täglichen Gebrauch ansieht. Ein Hollandrad. Sepeda onthel, so nennt man diese Art Fahrrad hier. Ich mag es. 

Als wir das erste Mal bei ihr waren, wollte ich nur etwas trinken. Einen heißen Tee vielleicht oder aufgebrühten Ingwer, so genau weiß ich das nicht mehr. A bestellte eine Nudelsuppe, ein Süppchen mehr, dass sie aus Instantnudeln, etwas Grünzeug und einem Ei zubereitete. Ich durfte kosten und aß daraufhin A's Schüssel leer, so dass er bei ihr eine neue Portion bestellte. 

Seitdem waren wir schon einige Male bei ihr. Mal setzen wir uns auf die einfachen, etwas schiefen Holzbänke, um besagte Nudelsuppe zu löffeln, mal braucht A nur einen frittierten Hühnerkopf für sein Nasi goreng. Oder ich heißen Ingwer, den sie mir zum Transport in eine Plastiktüte füllt. Sie sieht immer müde aus. Und alt. Dabei ist sie sicher nicht viel älter als meine Eltern. Sie ist nie allein, immer sind andere Kunden da. Junge und ältere Männer, manche im Sarong, manche in Jeans. Die reden nicht viel. Rauchen dicke Nelkenzigaretten, spielen mit dem Smartphone. Andere Frauen habe ich dort noch nie getroffen. Mehr als sechs oder sieben Leute passen ohnehin nicht gleichzeitig auf die Bänke. 

Sie ist nie allein und doch sitzt sie für sich. Ab und zu nickt sie ein. Das wundert mich nicht. Tagsüber arbeitet sie in einem kleinen Laden nicht weit von unserem Haus, der Gemüse, Obst und vor allem viele Sorten Bananen verkauft. Sie braucht das Geld. Ihr Mann ist krank und von den Kindern kommt – soweit ich weiß – keine Unterstützung. Bei aller Müdigkeit ist sie freundlich und nickt mir lächelnd zu. Sie spricht meistens auf Javanisch, darum regelt Arthur die Kommunikation. 

Das sanfte Licht und die Musik schaffen eine warme, fast schläfrige Atmosphäre um sie her. Eine Katze schlüpft unter den Tisch und sucht nach Heruntergefallenem. Schleppt einen Hühnerknochen fort. Wenn wir bezahlen wollen, müssen wir die Stimme heben, weil sie wieder eingenickt ist. Wir bezahlen nicht viel. Es ist billig. Wir essen immer ein bisschen mehr, stecken noch ein Tütchen Nüsse ein. Sie schiebt die Geldscheine unter das Wachstuch, das den Tisch bedeckt. Wir stehen auf und gehen. Sie bleibt, bis die Schalen leer sind. Wird dann das Radio ausschalten, ihre Sachen zusammenpacken und aufs Fahrrad laden, die Bänke zusammenrücken, davon fahren. Am Abend ist sie wieder hier. 

1 Kommentar:

  1. Das klingt nach einem sehr, sehr anstrengenden Leben. Aber andererseits ist es ja toll, dass sie es schafft, sich und ihren Mann damit durchzubringen.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

    AntwortenLöschen

Wenn ihr mir etwas sagen möchtet, eine Frage habt oder euch einfach nur mein Text gefallen habt, dann schreibt einen Kommentar. Danke schön!